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Kalk, Kasein und Lehm: Naturfarben in gehobenen Interieurs
07. Oktober 2026Kunden, die nach ökologischer Wandfarbe fragen, meinen selten nur die Inhaltsstoffe. Häufig geht es um eine Oberfläche, die nicht nach Kunststoff aussieht, um ein Schlafzimmer ohne Ausdünstungen oder um einen Altbau, dessen Wände nach der Sanierung weiter Feuchtigkeit aufnehmen sollen. Die verschiedenen mineralischen und pflanzlichen Systeme erfüllen diese Wünsche unterschiedlich und haben jeweils ihre individuellen Vorzüge.
Warum eine mineralische Wand anders aussieht
Der optische Unterschied zwischen einer Naturfarbe und einer Dispersion ist auf einer Musterkarte kaum zu sehen, fällt auf einer ganzen Wand jedoch sofort auf. Warum ist das so?
Kalk als Bindemittel und Pigment
Kalkfarbe besteht im Kern aus gelöschtem Kalk und Wasser. Der Kalk ist dabei Bindemittel und Weißpigment in einem. Nach dem Auftrag nimmt die Schicht Kohlendioxid aus der Luft auf und wandelt sich zurück in Calciumcarbonat, also in Kalkstein. Was an der Wand entsteht, ist eine kristalline Schicht, die Licht nicht spiegelt, sondern in alle Richtungen streut. Daher kommt diese leicht wolkige Tiefe einer Kalkwand, die sich über den Tag verändert und die eine glatt gerollte Dispersionswand nicht erzeugen kann.
Matt ist nicht gleich matt
Auch Dispersionsfarben sind als tiefmatt erhältlich, erreichen dieses Matt aber über Füllstoffe in einem Kunststoffbindemittel. Die Fläche bleibt geschlossen und wirkt gleichmäßig, fast flach. Mineralische und pflanzliche Bindemittel bilden dagegen keinen so durchgehenden Film. Die Oberfläche bleibt porös und gibt Farbe gedämpfter zurück. In Räumen mit hohen Decken und Stuck entsteht daraus eine ruhige Fläche, vor der Profile und Möbel Kontur behalten.
Welches Bindemittel passt zu welchen Wünschen?
In erster Linie sind der Untergrund und die Nutzung des Raums wichtig. Danach kommt die gewünschte Farbtiefe.
Kalkfarbe für mineralische Untergründe
Kalkfarbe eignet sich sehr gut bei mineralischen Untergründen wie Kalk- oder Zementputz und verbindet sich mit dem Untergrund, statt darauf zu liegen. Frischer Kalk ist stark alkalisch, was mikrobiellen Bewuchs hemmt.
Allerdings: Dieser hohe pH-Wert begrenzt auch die Farbpalette, denn nur kalkechte Pigmente überstehen ihn ohne Farbverlust. Kräftige Bunttöne sind damit schwieriger als gebrochene Weiß-, Sand- und Steintöne.
In Altbauten mit historischem Putzaufbau ist Kalk trotzdem oft sinnvoll, weil Dispersionsanstriche die Wand abdichten und die Feuchte im Putz einsperren.
Kaseinfarbe für satte Töne mit Tiefe
Bei der Kaseinfarbe übernimmt Milcheiweiß die Bindung. Diese Farbe ist erst eine Pulverform und wird erst kurz vor der Verarbeitung angerührt. Sie nimmt Pigmente gut auf, weshalb kräftige Töne mit einer samtigen Tiefe möglich sind, die kalkgebundene Anstriche so nicht erreichen. Kaseinfarbe ist wischfest und diffusionsoffen, für Feuchträume aber nur eingeschränkt geeignet. Auf stark alkalischen Untergründen kann es zu Reaktionen kommen, deshalb prüfen Fachleute hier den Untergrund im Vorfeld.
Lehmfarbe für warme Töne und Feuchteschutz
Lehmfarbe arbeitet mit fein gemahlenen Tonmehlen, die zusammen mit Zellulose als Bindung dienen. Die Töne reichen weit über die erdigen Nuancen hinaus, für die Lehm früher bekannt war. Der bauphysikalische Vorteil liegt in der Sorptionsfähigkeit, denn Ton nimmt Luftfeuchtigkeit auf und gibt sie verzögert wieder ab. In der Werbung fehlt dabei häufig ein wichtiger Punkt. Der Anstrich selbst ist nur wenige Zehntelmillimeter dick, der Puffereffekt kommt überwiegend aus einem Lehmputz darunter. Als Farbe auf Lehmputz spielt sie ihre Wirkung aus, als Anstrich auf Gipskarton bleibt vor allem die Optik.
Einordnung von Naturfarben: Die Vor- und Nachteile
Konservierungsmittel in wasserbasierten Farben
Wasserbasierte Farben im Eimer brauchen Konservierungsmittel, weil sie sonst mikrobiell verderben. Eingesetzt werden dafür überwiegend Isothiazolinone, deren sensibilisierende Wirkung laut Umweltbundesamt bekannt ist: Bei entsprechender Veranlagung kann daraus ein Kontaktekzem entstehen. Der Blaue Engel hat die zulässigen Mengen deshalb schrittweise verschärft und lässt Topfkonservierer bei neu ausgezeichneten Wandfarben nur noch in Spuren zu.
Farben, die als Pulver geliefert und auf der Baustelle angerührt werden, brauchen diese Topfkonservierung nicht. Genau darin liegt der handfeste gesundheitliche Vorteil von Kasein- und Lehmfarben, und nicht im Etikett “natürlich”. Fertig angerührte Naturfarben aus dem Eimer enthalten dagegen ebenfalls Konservierungsstoffe.
Grenzen beim Raumklima: auch Naturfarben sind kein Allheilmittel
Diffusionsoffene Oberflächen unterstützen ein ausgeglichenes Raumklima, weil Feuchtespitzen nach dem Duschen oder Kochen zwischengespeichert werden. Was sie nicht ersetzen, ist Lüftung oder eine bauphysikalisch saubere Konstruktion. Schimmel entsteht durch Feuchtigkeit an kalten Bauteilen, und kein Anstrich behebt eine Wärmebrücke. Seriös ist die Aussage, dass mineralische Systeme einer feuchten Wand nicht im Weg stehen, während dichte Anstriche das Problem verschieben.
Beanspruchte Flächen und Nassbereiche
Kalk- und Lehmoberflächen sind weicher als Dispersionsfilme. Im Flur eines Hauses mit Kindern oder hinter einem Sofa zeichnen sich Berührungen darauf früher ab. Im Spritzwasserbereich eines Bades haben beide nichts zu suchen, in einem gut belüfteten Bad außerhalb dieser Zone dagegen kann man sie durchaus verwenden. Für stark genutzte Räume gibt es mineralische Alternativen mit höherer Festigkeit, etwa Silikatfarbe auf Basis von Kaliwasserglas.
Ausbessern und Nachstreichen
Eine Kalkfläche ist schwer fleckenfrei auszubessern, weil die Reparaturstelle anders abbindet als die umgebende Fläche. Häufig ist es besser, die ganze Wand von Kante zu Kante neu zu streichen. Dafür altert die Oberfläche besser als eine Dispersion, die an beanspruchten Stellen glänzend wird. Die leichte Wolkigkeit gehört zum Material und ist kein Mangel. Wir besprechen im Vorfeld ausführlich mit Ihnen die gewünschte Wirkung Ihres Anstrichs und die richtige Farbauswahl dafür.
Zur Umsetzung im Projekt mit Naturfarben
Das richtige System für jeden Untergrund
Auf Kalkputz kommt Kalkfarbe und auf Lehmputz eine Lehm- oder Kalkfarbe. Alte Dispersionsanstriche und gespachtelte Flächen müssen vorher beurteilt werden, weil eine mineralische Farbe auf einem geschlossenen Altanstrich nicht hält. Wir prüfen den Untergrund im Objekt und legen den Aufbau fest, bevor ein Farbton überhaupt zur Debatte steht.
Ansehen und anfassen
Einer der wichtigsten Aspekte von Naturfarben ist ihre besondere Haptik. Das sehen Sie natürlich nicht anhand einer Farbkarte. In unserer Ausstellung in Sarstedt können Sie sich auf 1000 Quadratmetern mineralische Oberflächen in großen Flächen und im Tageslicht anschauen, dazu Musterflächen, die den Unterschied zwischen einer tiefmatten Dispersion und einer kalkgebundenen Wand deutlich machen. Dazu kommt die Abstimmung mit Tapeten und Holzoberflächen, damit das Ergebnis im Raum stimmig bleibt.
Beratung zu Naturfarben in Hannover
Welches System zu Ihrem Projekt passt, hängt am Untergrund und an der Nutzung des Raumes. Wir beurteilen beides vor Ort, entwickeln daraus ein Farbkonzept und setzen es handwerklich um.
Mehr zu unseren Leistungen finden Sie auf der Seite Naturfarben. Einen Termin in der Ausstellung oder eine Beratung vereinbaren Sie über unser Kontaktformular. Telefon: 05066 900143, E-Mail: design@farbgestalt.de
